Interview mit Uwe Görke:
„Aids hat ein Gesicht“
Nun habe ich Uwe Görke kennengelernt. Seine Engagement ist berührend und motivierend gleichermaßen. Eben verteilt er noch Flyer auf dem Straßenfest, steht er nun auf der Showbühne des „Hagen Anders – Festival der Gleichheit“ im Interview mit Harry Wandke, Moderator des Tages. Uwe Görke ist ein Hans Dampf in Sachen „Mein Leben mit HIV“. Im Folgenden gebe ich das Interview möglichst wortgetreu wieder, denn den authentischen Worten von Uwe Görke ist nichts hinzuzufügen.
Mit Aids habe ich nichts zu tun. So ähnlich hat wahrscheinlich um das Jahr 1993 auch Uwe Görke gedacht und hat dann plötzlich festgestellt – oder sich hat mitteilen lassen müssen: Ich bin HIV infiziert. Und das Ganze hat er fünfzehn Jahre später in Buchform niedergeschrieben. Das ist erst einmal bemerkenswert und auch besprechenswert. Ich freue mich, dass er heute hier ist: Uwe Görke. Willkommen bei uns bei „Hagen anders“, das Festival der Gleichheit. – Uwe, du hast das Ding niedergelegt auf vielen Seiten. Du hast dich selber, dein Leben dargestellt, deine – in Anführungszeichen – Leidensgeschichte dargestellt. Ich behaupte mal, – du wirst die Antwort sofort liefern, das ist eine ziemlich starke Form von Eigentherapie.
Uwe Görke:
Es ist Eigentherapie. Ich bin seit 1993 HIV-positiv, mein damaliger Partner hat mich in der Beziehung infiziert. Trotz allem möchte ich sagen, das Buch ist dafür da, dass ich zeigen will, dass man sich nicht hängen lässt, dass man nach vorne schaut und dass man lebt, weil dann hat man auch wirklich eine Chance zu leben. Das sieht man daran, dass ich hier heute auf der Bühne stehe und zum Glück noch lebe.
Applaus!
Harry Wandke:
Der Weltaidskongress ist gestern zu Ende gegangen in Mexiko. Das werden alle mehr oder weniger verfolgt haben. Für mich ist da, nicht so viel Handfestes bei rumgekommen. Ich habe mir ehrlich gesagt, etwas Stärkeres versprochen. Zwischenzeitlich gab es eine medizinische Mitteilung aus Newston. Da heißt es – mal wieder, muss man sagen: Es sei ein medizinischer Durchbruch gelungen. Wir werden abwarten müssen, wie sich das darstellt. Es gibt ein Bild in deinem Buch da sitzt du – und ich finde das von deinem Gesichtsausdruck sehr bemerkenswert – vor einem Berg von Medikamenten. … Wie wichtig ist Medizin in deinem Leben, 15 Jahre nach der beschisstesten Nachricht, die man bekommen kann?
Uwe Görke:
Ja gut, ich muss sagen, ich bin 1996 mit der Kombinationstherapie angefangen. Aber die Tabletten sind ja kein Muss, du wirst ja nicht gezwungen. Also ich habe mein Ziel dahin gehend gesetzt, dass ich gesagt habe: Ich vertraue der Kombinationstherapie. – Wenn du aber nicht von der Seele her frei bist – und das ist eigentlich der Punkt – hier geht es gar nicht um die Kombinationstherapie: Mexiko ist auch wieder ein Beispiel dafür: Jeder redet von der Pharmaindustrie, alles entschärft diese Krankheit, aber wenn du morgen zum Arzt gehst und der sagt dir: du hast Hodenkrebs oder einen anderen Krebs, musst du vor allem mit dir selber zurechtkommen. Der Sinn ist, dass du selber, du, musst, deine Seele freikriegen. Wenn die frei ist, das hat erst mal gar nichts mit der Kombinationstherapie zu tun. Was auch vergessen wird: HIV muss ein Gesicht bekommen, Aids muss ein Gesicht bekommen. Für mich ist die Lebensgeschichte wichtig, beziehungsweise die Gesellschaft, die muss mit uns lernen. Die Therapie zählt erst mal nicht. Denn eigentlich ist es ja nicht die Krankheit, eigentlich ist es etwas ganz anderes. Wenn du nämlich morgen gesagt bekommst, du bist HIV-positiv und du gehst zum Zahnarzt … jetzt nicht in Köln oder Hamburg, sondern als Beispiel, du gehst in Schwerte zu einem Zahnarzt und du kreuzt im Formular an, ich bin HIV-positiv. Dann sagt der heutige Zahnarzt oder die Zahnärztin 2008: Denn können wir nicht behandeln, weil der Raum, in den der reingeht, der muss nachher drei Stunden gelüftet werden. Das kriegst du 2008 noch auf Brot geschmiert. Oder wenn du dann auf die Sonnenbank gehst, und die bekommen es raus, haben sie Angst, sich über das Schwitzwasser zu infizieren. – Diese zwischenmenschlichen Sachen. Also du kriegst einfach den Druck der Gesellschaft noch mit dazu. Und hier ist der Ansatzpunkt: Wenn du infiziert bist, dass du dann wirklich aufgefangen wirst von der Gesellschaft, denn du musst dich bei keiner anderen Krankheit so rechtfertigen wie bei HIV und Aids.
Harry Wandke:
Hast du, seitdem das Buch draußen ist, seitdem du dich im wahrsten Sinne des Wortes öffentlich gemacht hast, wie sieht das aus in Sachen Rückmeldung, Feedback? Was kommt da bei dir an?
Uwe Görke
Für mich ist wichtig, deswegen stehe ich hier ja auch: Ich gebe HIV ein Gesicht, gebe Aids ein Gesicht. Ich sage mir, für mich ist es wichtig, dass sich verdammt noch mal Leute nicht mehr mit HIV anstecken. Natürlich ist das Feedback so, und das erschüttert mich so: Ich gebe ein Beispiel aus Schwerte wieder. Da ist einer, der ist blind geworden durch den HIV-Virus, der hat durch die Medikamente beide Nieren verloren. Das Schwerter Krankenhaus hat ihn abgewiesen. Er muss jetzt 70 Kilometer bis nach Essen, um die Dialyse zu bekommen. Diese Geschichten, die musst du den Leuten zeigen und nicht HIV schön reden. Das ist auch das, was ich versuchte habe aufzuschreiben in meinem Buch. Und natürlich ist das mein Leben, natürlich können 50 andere HIV-Positive hier auf der Bühne, könnten dir 50 Mal was anderes erzählen. Ich kann nur das wieder geben, was ich erlebt habe. Und ich kann nur das wiedergeben. Trotz allem: Es gibt keine Schuldfrage bei HIV und AIDS. Es gibt keine Schuldfrage. Aber trotzdem, das Schöne ist: Man hat eine Chance heute mit HIV zu leben. Das ist auch gut so.
….
Noch einige Sätze:
Für mich ist auch ganz wichtig, ich möchte hier an die Menschen denken, die den Kampf gegen HIV verloren haben. Das ist die Generation, die nach dem letzten Strohhalm gegriffen hat, die teuflisch an dieser höllischen Krankheit verstorben sind. Meine Gedanken gehen auch – auch wenn er mich infiziert hat – ich bin so weit, dass ich sagen kann: Möge er in Frieden leben, meinen Freund Frank, der mich mit HIV angesteckt hat – und trotzdem: Ich habe ihm verziehen.




tolles interview, freue mich das du darüber berichtest..
solche leute wie uwe und wie dich braucht die welt..ich finde das super toll!
mach weiter so..
herzlich
Andy
[...] as: Allgemein gesellschaftiner Gesellschaft leben und arbeiten Menschen zusammen. Und > damit > die Zusammenarbeit bzw. das Zusammenleben effizient funktioniert, > hat > die Organisationsstruktur des [...]