Gruen wurde 1923 in Berlin als Sohn jüdischer Eltern geboren.
Ein Ereignis aus seiner Volksschule ist ihm bis heute in Erinnerung: Seine Lehrerin ermahnte Arno Gruens Klasse, sie sei zu undiszipliniert. Deshalb beschloss sie, einen Rohrstock zu beschaffen, um die Kinder gegebenenfalls mit ihm zu bestrafen. Sie nahm also ihr Portemonnaie aus der Tasche, suchte einen Groschen heraus und fragte, wer zum Laden laufen wolle, um den Rohrstock zu kaufen. 29 Zeigefinger schnellten in die Höhe, nur der des sechsjährigen Arnos nicht. „Ist das nicht verrückt“, wundert sich der Psychoanalytiker noch heute, „alle wollten unbedingt den Stock kaufen, mit dem sie geschlagen werden sollten.“
In dieser Berliner Volksschule erfuhr er auch zum ersten Mal mit sieben Jahren, dass er Jude war. Vor dem Religionsunterricht wurde er nach Hause entlassen. Sein Vater erklärte ihm daraufhin, dass man unterscheide zwischen Juden, Christen, Atheisten, oft auch zwischen Deutschen und Franzosen. Arno antwortete erstaunt: „Ich dachte, wir sind alle Menschen.“
1936 floh die Familie aus dem mittlerweile vom Nationalsozialismus beherrschten Deutschland und emigrierte über Polen und Dänemark in die USA. Nach eigenen Angaben nahm der heranwachsende Arno auf dieser Flucht lediglich drei Bücher mit, die ihn prägten: ein Lexikon, einen Band mit Gedichten von Chaim Nachman Bialik und die Bibel. Bereits auf der Flucht fand die Feier seiner Bar Mitzwa am Sabbat des 6. Juni 1936 in der Großen Synagoge in Warschau statt.
Gruen studierte Psychologie in New York, eröffnete 1958 eine psychoanalytische Praxis und promovierte 1961 bei Theodor Reik. Danach übte er in den USA verschiedene Beschäftigungen aus, zuletzt war er als Professor der Psychologie an der Rutgers University in New Jersey tätig. Seit 1979 lebt und praktiziert Gruen in Zürich.
Während seiner Zeit in New York war Gruen sehr gut mit dem Schriftsteller Henry Miller befreundet und wurde nach eigenen Angaben stark von ihm beeinflusst.
2001 erhielt er für sein Buch Der Fremde in uns den Geschwister-Scholl-Preis, der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Stadt München vergeben wird. Der mit 10.000 Euro dotierte Geschwister Scholl – Preis wird für ein Buch verliehen, das „von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem gegenwärtigen Verantwortungsbewußtsein wichtige Impulse zu geben“.
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Der Wahnsinn der Normalität – Realismus als Krankheit: eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität
Taschenbuch, 216 Seiten, 12,5 x 19 cm, ISBN 978-3-423-35002-0. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 15. Aufl. 2007. € 8.90 / sFr 13.35 / sofort lieferbar
Gruen über seine Reaktion auf die »beruflichen Erlebnisse mit dem Wahnsinn der Realität, der im Namen der Liebe Tod und Zerstörung bringt«. Original 1989
Über das Böse in der Welt ist viel nachgedacht worden, und die Psychologie hat verschiedene Thesen zur Destruktivität des Menschen entwickelt. Selten wurden aber mit solcher Konsequenz die Ursachen aufgespürt wie von Arno Gruen, wenn er zeigt, wie Gewalt und Unmenschlichkeit im Inneren des Menschen entstehen und wie sich unser soziales Leben darauf eingerichtet hat, dass der herrschende Wahnsinn lebensfeindlichen Handelns den Mantel realitätsgerechten Verhaltens trägt. Er öffnet den Blick dafür, dass menschliche Destruktivität nicht einfach eine Fähigkeit zum Bösen ist, sondern vielmehr die Folge eines Mangels, der als solcher nicht erkannt wird: Wo das Vermögen abhanden gekommen ist, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, und Selbsthass an deren Stelle getreten ist, ist auch die Fähigkeit zu wirklichem Mitgefühl und echtem Mitfühlen verlorengegangen.
Im »Wahnsinn der Normalität« legt er die Wurzeln der Destruktivität frei, die sich viel öfter, als es uns klar ist, hinter vermeintlicher Menschenfreundlichkeit oder ordnungsstiftender Vernunft verbergen. Arno Gruen besticht durch die Vielzahl der Beispiele, zu denen auch die unfasslichen Ereignisse im Dritten Reich oder im Vietnamkrieg gehören, und schafft die überzeugende Beweislage, dass dort, wo Innenwelt und Außenwelt keine Einheit bilden, verantwortungsvolles Handeln und echte Menschlichkeit ausbleiben.